logo

Solange Kunst käuflich ist…

Eröffnung Kunstschimmer6 Ulm 2018

Rede zur Eröffnung der Kunstschimmer6 und der Verleihung der Donau Kunstpreise auf der Messe Leben, Wohnen, Freizeit 2018

Ulm, den 21. April 2018 – von Stephan A. Schmidt – ungekürzte Version

Wenn man sich mit Stefan Grzesina über seinen KunstSchimmer unterhält, spricht man bald über eine ihm oft gestellte Frage: Was macht eine Kunstmesse – oder sagen wir gleich: Was machen Kunst und Künstler auf einer Verbrauchermesse?

Denkt man das grundsätzlicher, stellt sich die Gegenfrage: Wo überhaupt kann, will oder muss Kunst denn hin? Und: Wenn sie irgendwo hin soll, dann muss sie ja zum einen auch irgendwo herkommen, muss also noch auf einem Weg sein und scheint ja andererseits noch nicht angekommen zu sein – wo auch immer das dann sein mag. Ein Wandersmann würde jetzt natürlich einwerfen: Vielleicht ist ja auch hier der Weg das Ziel? (worauf wir nochmal zurückkommen werden)

Natürlich gibt es auch Kunst, längst etablierte, meist von nicht mehr lebenden Künstlern – die muss nirgends mehr hin, sie hat ihren festen Platz, und wenn schon, dann müssen wir hin zu ihr.

So zum Beispiel in den großen europäischen Hauptstädten: Wenn man dort unterwegs ist, findet man seltsame „Gebäude“, insbesondere auch in Spanien, wo der Franquismus erst Anfang der 80er endete, oder in Portugal, das nach der Salazar-Ära mit seiner Verfassung von 1976 zur heutigen Demokratie fand. Dort also, wo Herrscher, erst begründet auf Gott oder Geburt und dann auf Militär, ein paar Jahrzehnte mehr Zeit hatten, sich ihre Denkmäler auch etwas moderner und noch größer vor den Stadttoren in Beton gießen zu lassen. Dort zeigten sie mit aller Pracht ihre Macht, ließen die Untertanen sich an der Kunst und den Hallen über ihr ergötzen – bzw. an der Kunst, die ihnen dafür als opportun genug erschien.

In Lissabon z.B. kommt man aus dem Alltag der Stadt und hin zur großen Kunst eine halbe Stunde mit der Straßenbahn: Dort steht, die Küstenlandschaft der Vorstadt überragend, das CCB, das Centro Cultural de Belém, und darin das Museu Coleção Berardo. Der riesige, über breite Treppen und Brücken über Burggräben zu ersteigende Blockbau ist über Eingangstoren so eingeschnitten, dass man meint, man laufe wie eine Laus durch eine Himmelspforte. Hinter der Pforte: Mondrian, Duchamp, Arp, Dali, Miro, Picasso, Man Ray, Pollock, Lichtenstein, Warhol, Uecker, Becher (beide ;-), Bacon und und und…

Wer schon einmal dort war, wird jetzt empört sagen: Nein, das CCB (im Volksmund übrigens Centro Comercial de Belem) wurde doch erst 1993 eröffnet, zu Anfang noch als Sitz der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft 1992, und das Museum der Berardo-Sammlung wurde dort doch erst 2007 eröffnet.

Aber das ist ja der Treppenwitz der Geschichte (und zwar der der Demokratie wie der der Kunst), dass es keinerlei Unterschied macht, ob es Fürstäbte, Könige, Militätjuntas oder neuerdings Oligarchen sind, die mit ihrer Kunst ihre jeweilige Macht präsentieren. Mit nur einem kleinen Unterschied: Hier handelt es sich um die Privatsammlung jenes Joe Berardo, eine der reichsten und umstrittensten Figuren des portugiesischen Wirtschaftslebens, dessen Reichtum auf der Gründung von Goldminen-Unternehmen 1968 in Südafrika fußt, oder der 2007 den Fußballclub Benfica Lissabon kaufen wollte (worauf übrigens kaum jemand Lust hatte: von den dafür notwendigen und im freien Handel verfügbaren 33% wurde ihm nur 1% verkauft), – also eine Privatsammlung, für die der Staat dann noch ein riesiges  Museum stellt und zudem die Stiftung für den Kauf weiterer Werke mit einer halben Million Euro pro Jahr unterstützt. Und das aus Dank dafür, dass Berardo, dessen gesamter Kunstbesitz 2010 auf 750 Mio. USD geschätzt wurde, seine Sammlung nicht selbst unterbringen muss, sie „exhibitionieren“ kann, auch damit ihren Wert steigert – und sie übrigens bei jedem größeren Deal bei der Bank als Sicherheit angibt?

Warum ich das erzähle? Keine Sorge, ich krieg‘ die Kurve schon zurück hierher, in diese im Vergleich zu Arealen wie in Lissabon bescheidene kleine Hütte, die hier in Ulm die kommenden 8 Tage unter den Worten „Leben, Wohnen, Freizeit“ steht.

Immer wenn ich in jene Paläste geduckt durch die großen Tore reingehe, frage ich mich: Was bleibt von der Kunst, wenn man weiß, dass man Banksicherheiten anschaut? Dort, wo ein einzelner Van Gogh mehr wert ist, als das, was er in seinem ganz Leben ausgeben konnte? Überhaupt: Was bleibt, wenn Kunst besser wohnt, als die, die sie anschauen sollen?

Was hat diese Kunst dann – schon durch das Drumherum – noch an Relevanz für das Leben der Menschen? Wann ist es soweit, dass sich die Menschen abwenden und, wenn überhaupt, alle Monate mal sonntags längst nicht mehr in die Kirche, sondern nur noch auf Blockbuster-Ausstellungen mit großen Namen und Etats gehen – sozusagen als kultureller Sonntagsspiel-Ersatz für die Bayern-wird-immer-Meister-Müdigkeit? Mal Rauschenberg und Richter statt Robben und Ribery?

Natürlich muss Kunst keine Antworten „für`s Leben“ geben – das ist hinlänglich diskutiert. Aber sie kann Fragen stellen, erinnern, träumen und die Menschen dort ansprechen und abholen, wo sie sich rational oder emotional befinden. Wenn sie das nicht tut, dann ist sie nicht relevant.

Es gibt eine weitere Art von Ausstellungen, in denen die Kunst zwar nicht besser wohnt, und die es auch hierzulande und nicht nur in den Hauptstädten gibt – darin z.B. viele statisch-abstrakte, sich immer wieder selbst kopierende Gemälde, und die „Kuratoren“-Texte voller ebenso abstrakter Schwurbel und Quasten wie mein letzter Befund vom Internisten. Bei den Gemälden frage ich mich, hat er das jetzt neu gemalt oder das von vor drei Jahren einfach um 90 Grad gedreht? Darunter entdecke ich in kleinen Buchstaben den ebenso abstrakten Werktitel in Altgriechisch. Da stehst Du dann gebückt davor, mit zusammengekniffenen Augen, und das Werkschild spricht zu mir – in Altgriechisch, aber ich verstehe es plötzlich ganz klar: „Du bist zu ungebildet, als dass ich für Dich relevant sein könnte.“

Ich bin zu perplex, um darauf zu antworten, aber dennoch steht bereits die Aufsicht neben mir; und jede Falte ihre Mimik sagt: „Psst!“, als wäre man in der Kirche – oder im Palast des Königs. (Charakteristisch übrigens ist für diese Art der Kunst – wie für die Künstler –, dass sie gerne unter sich bleiben.)

Wir aber reden nicht über Sonntagskunst von intellektuellen, abgeschotteten Selbsthilfegruppen, sondern über eine offene Kunst, die im Alltag der Menschen relevant sein will. Und echte Kunst muss das wollen, wenn sie in der Mitte einer Gesellschaft stehen will und nicht nur an ihrem Rand. Und wir reden darüber – wie eingangs gefragt –, wohin sie deswegen will oder muss, um sich zu zeigen, um in einen Dialog zu treten. Aus genau diesen Gründen wären sonst hier und heute in Ulm nicht Arbeiten von 140 Künstlern zu sehen, und auch wir wären jetzt nicht hier.

20 oder 30 Meter große Gemälde sind für einen Deutschen sicher nicht „normal“. Für einen Mexikaner aber, der spätestens 1920, 1930 lebte, waren und sind solche ganz alltäglich. – Wohin wollte dort in Mexiko vor rund 100 Jahren dort die Kunst? Die große Traditionsschule war und ist dort der Muralismo, die Wandmalerei im öffentlichen Raum, für die es keine vergleichbare Parallele in der europäischen Kunst gibt. Zu ihr gehörte auch Diego Rivera als einer der drei bedeutendsten Maler der Moderne in Mexiko und Mann von Frida Kahlo.

Malerhelden für die Bevölkerung waren die, deren monumentale Murales man in Bahnhöfen, Theatern, Schulen, Vereins- und Gewerkschaftshäusern, in Turn- und Markthallen und andere öffentlichen Gebäuden sehen konnte. Viele dieser Arbeiten waren auch dank ihrer hohen Öffentlichkeit identitätsstiftend, sie sind in die kollektive Bilderwelt Mexikos eingegangen und werden bei aktuellen Anlässen wieder aufgegriffen.

Hierzulande ist seit einigen Jahren die Forderung schick geworden, nach dem Tier- und dem Umweltschutz nun auch die Kultur als Staatsziel in den Verfassungen von Bund und Ländern zu verankern. Dass daraus keine einklagbaren Titel resultieren werden – auch weil leider nur pauschal formuliert –, ist das eine. Aber es unterstreicht den Wert der Kultur und all ihrer Spielarten, Musik, Theater, Tanz, Literatur und bildende Kunst, als unabdingbaren Teil des Menschseins, als ein hohes Gut. Denn die Kunst jeder Zeit und jeder Epoche ist gleichsam auch das kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft und einer Generation, ist ein Spiegelraum ihrer Erinnerungen, ihre Geschichte und Erzählungen, ihre Sorgen, ihre Träume, Wünsche und Nöte, ihrer Zweifel und ihrer Selbstkritik – und liefert dazu auch eigene Bilder, Gedanken, Geschichten und Impulse.

Damit ist Kunst auch immer mehr als nur die Summe ihrer Teile, und mehr als eine einzelne, wenn auch meisterlich bemalte Leinwand.

Aber dann, wenn wir das begreifen und es uns als Gesellschaft erhalten und bewahren wollen – dann stellt sich automatisch die Frage: Wem gehört die Kunst? Die ganze Kunst? Also jene Mondrians, Duchamps, Arps, Dalis, Miros, Picassos, Man Rays, Pollocks…? Gehören die und all die anderen denn in Privatbesitz, gar als Banksicherheit und selbst dann, wenn sie in einer „generösen“ Geste zeitweilig öffentlich zugänglich sind? Kann und muss dann ein Werk überhaupt noch ge- und verkauft werden? Oder sollte es nicht ebenso selbstverständlich zugänglich sein wie ein Platz im Stadtpark, der auch allen gemeinsam gehört?

Muss die Kunst, wenn sie allen gehört, nicht direkt in den Alltag und in die Öffentlichkeit, in die Fußgängerzonen, in Stadtteilgalerien, Bahnhöfe, Turn- und Markthallen, Bürgerzentren und Standesämter?

Und wäre dann nicht die Kunst – im Sinne des Anfangs zitierten Wandersmannes – immer auf einem Weg? Auf einem Weg, der so ihr Ziel und Zweck wäre, also immer unterwegs von Ausstellung zu Ausstellung zu möglichst allen, zu all denen, denen sie gehört, statt dass sie zwangsweise vom Künstler zum Lebensunterhalt verkauft werden muss und in Privaträumen, in Safes und Freilagern in exterritorialen Transitzonen verschwindet. (Allein im Genfer Freeport sollen nebst französischen Impressionisten und amerikanischen Pop-Art-Künstlern ca. 1.000 Bilder und Zeichnungen von Picasso privat und zollfrei eingelagert sein.) Sollte die Kunst als etwas gemeinsames, öffentliches also nicht immer auf einem Weg sein, so wie Geschichten nicht einmal, sondern immer wieder erzählt und Theaterstücke immer wieder aufgeführt werden?

Und würde man das konsequent weiter denken, kommt man unweigerlich bei einem ganz anderen Thema raus: Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen, zumindest für Künstler. (Denn wie sonst sollte eine Gesellschaft, der die Kunst als kollektives Nichtprodukt nun gehört, die Künstler sonst ernähren?) Und warum eigentlich leistet sich eine Gesellschaft nicht ebenso, wie sie sich Polizisten, Lehrer, Stadtgärtnereien leistet, nicht auch Künstler? Und warum leistet sich diese Gesellschaft  Programmdirektoren und Museumsleiter, aber keine Künstler?

Natürlich, diese Kunstmesse hier, der Kunstschimmer, wäre dann obsolet; zumindest in dieser Form.

Solange das aber nicht so ist – und so realistisch sollte man bleiben (aber man wird ja mal fragen dürfen 😉 –, solange muss Kunst hin zu den Menschen, hinein in ihren Alltag. Und dann eben auch gerade auf Verbrauchermessen. Daher braucht es einen KunstSchimmer inmitten von „Leben, Wohnen und Freizeit“, und von daher gilt der Dank an Frau Birgit und Herrn Peter Kinold von der Ulmer Ausstellungs GmbH umso mehr. Sie stellen den Saal und einiges mehr kostenlos zur Verfügung und schaffen so Platz und Raum, wo Kunst als etwas „normales“, weil selbstverständliches, auf ihrem Weg „hin“ kann.  – Auch wenn, aber dafür können Sie beide ja nichts, die Bezeichnung „Verbraucher“ ein sehr reduzierendes Wort ist, und auch wenn man Kunst ja gar nicht verbrauchen kann.

Vielen Dank.

(Anschließend folgten Infos zum vor fünf Jahren ins Leben gerufenen Kunstschimmer, den Gesichtern dahinter – und dann die Verleihung der insgesamt fünf Donau Kunstpreise)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.