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Alle kriegen was – nur der Künstler nicht.

Warum ich mich nicht bei »Blick Fang« 2017 in Kaufbeuren bewerbe.

Nachdem die Ausschreibung zur »Blick Fang« 2017 im Kunsthaus Kaufbeuren (→ www.kunsthaus-kaufbeuren.de/ausstellungen/1210/) nun auch groß in der aktuellen Ausgabe der (zumindest bei Einreichungsgebühren) sonst so kritischen Zeitschrift Atelier gebracht wurde und mir mehrfach Kollegen sagten, dass ich da doch z.B. auch die mehrfach ausgezeichnete Fotoarbeit „Keiner von Euch“ einreichen sollte: Nein, genau das werde ich nicht tun. Denn dann müsste ich zur ganzen Arbeit auch noch Geld mitbringen – d.h. ich würde draufzahlen.

Die Idee der »Blick Fang« ist ja generell nicht schlecht: Jeder Künstler kann bis zu vier Werke einreichen, von denen mindestens zwei einen Verkaufswert von 500 Euro brutto nicht überschreiten dürfen. Und genau um diese 500-Euro-Werke geht es zentral, die – Zitat – „Preisgestaltung sollte den Gedanken der Ausstellung berücksichtigen, eine möglichst breite Menge an Kunstinteressierten anzusprechen und den Erwerb zu ermöglichen. Grafiken, Auflagenobjekte, kleinere Formate“ wären hierfür eine Möglichkeit.

Ok, denkt sich der Künstler – Verkauf vorausgesetzt –, mit 500 Euro wäre bei einem kleineren Format ja was zu bewerkstelligen. Aber: Es sind leider nur 250 Euro, denn liest man aufmerksam bis zum Ende der Ausschreibung, stolpert man am Ende des vorletzten, 11. Punktes „Verkauf/Abwicklung“ auf der letzten, fünften Seite über diesen einen Passus: „Nach Ablauf der Ausstellung stellen die Künstler dem Kunsthaus Kaufbeuren eine Rechnung über ihren Anteil am Verkaufspreis (50% inkl. MwSt.).“

Ganz im Ernst, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Man will, so der vollmundige Text auf der Website, mit einem gut besetzten Fachgremium eine „durchgängig hohe Qualität der ausgestellten Kunstwerke gewährleisten“, und das „mit dem Ziel, jungen herausragenden Positionen der Gegenwartskunst aus der Region und dem gesamten Bundesgebiet eine Plattform zu bieten und den Austausch zwischen Kunstschaffenden und Kunstliebhabern regional und überregional zu fördern“. Dazu holt man die Kaufbeurer Künstlerstiftung und die Kreisparkasse Kaufbeuren als Geldgeber (plus weitere Sponsoren wie Kremer Pigmente) ins Boot, will aber Ursprung, Kern und Quelle der ganzen Show, also den Kunstschaffenden, mit 250 Euro abspeisen?

Wer jetzt noch rechnen will – der Vollständigkeit halber: Ich z.B. greife also wie vorgeschlagen auf ein „Auflagenobjekt“ zurück und kastriere in meinem Fall eine großformatige Fotoarbeit auf nicht ganz so teure 100 cm Breite. Dann zahle ich Druck auf Büttenpapier, Aufziehen und Kaschierfolie in Museums- bzw. Archivqualität, verzugsfreie Trägerplatte und eventuell noch einen Schattenfugenrahmen drumherum (so lässt sich’s besser transportieren, und zudem stünde jene „durchgängig hohe Qualität“ nicht mit einer lapprigen Präsentation oder einem lauen Fotoabzug im Widerspruch).

Falls ich angenommen werde, fahre ich – und dass vergessen einige Kollegen immer wieder in ihrer Kalkulation – üblicherweise dreimal zum Ausstellungsort: einmal zur Anlieferung, dann zur Vernissage, und dann zur Abholung.

Fazit: Die 250 Euro sind längst futsch, und verkauft ist noch lange nix. Jeder Maler, der nicht die billigsten Farben und Keilrahmen vom Krabbeltisch verwendet, wird auf eine ähnliche Kalkulation kommen. Kunstdrucker, Boesner oder Baumarkt und Tankstelle haben ihr Geld bereits erhalten, während wir Künstler in Vorleistung gegangen sind – und dies allein in der Vermutung, bei einem Werkverkauf die Hälfte des Wertes, d.h. 250 Euro (bzw. z.B. abzgl. 7% MwSt. = 234 €) zu bekommen?

Und je genauer man’s betrachtet, umso schlimmer wird’s: Der „Wert“ eines Kunstwerk besteht ja grundsätzlich aus drei Teilen – einem materiellen, dazu die Arbeit, und einem ideellen. Preisfrage: Wo, also an was davon verdient der Künstler etwas? Bei 250 Euro? Nirgends. Nicht an der Arbeit, und nicht einmal am Material, denn daran haben nur Fine-Art-Printer oder Boesner verdient. Und mit der Ehre, dabeigewesen zu sein, hat der Künstler sein Essen oder seine Ateliermiete immer noch nicht bezahlt.

Wer also prekäre Künstlerverhältnisse schaffen will, macht genau solche Ausschreibungen. Während rund um das Kunstwerk durchaus Geld fließt – vom Museumseintritt bis zu Stiftungs- und Sponsorengeldern und natürlich den Provisionen –, und während alle anderen, vom Plakatierer über das Jurymitglied bis zum Museumsdirektor, auch nicht auf ihr Gehalt verzichten, sondern ganz selbstverständlich erhalten, zahlt der Künstler mit seiner Arbeit und seinen Ideen die Zeche. Umso zynischer liest sich dann der Satz auf der Website: „Durch den Erwerb eines Kunstwerkes werden nicht nur die Künstlerinnen und Künstler unterstützt, sondern auch das Kunsthaus Kaufbeuren und sein zukünftiges Programm.“

Dahinter verbirgt sich, ob gewollt oder nicht, eine typisch neoliberale Umverteilung von unten nach oben: Indem die einen Künstler ihre Werke für lau verkaufen und dann noch die Hälfte angeben, bezahlt man mit diesem Geld die klassischen Top-Ausstellungen und die damit verbunden Ausstellungshonorare. Kurz gesagt: Vom Verzicht und von der Arbeit der einen leben die anderen. Solches „fördert den Austausch“ oder  „vernetzt regional und überregional miteinander“, wie auf der Website zu lesen ist, eben nicht, sondern trennt. Und verzerrt den Markt.1

Dass jene „klassischen“, programmtypischen Ausstellungen nicht per se und absolut ihre Berechtigung hätten oder dass das übrigens äußerst niveauvolle Programm des Kunsthauses zur Debatte stünde – das ist hier überhaupt nicht Thema. Ich fahre immer wieder gerne nach Kaufbeuren. Nur würde ich z.B. von Sven Kroner, Thilo Westermann, Yongbo Zhao oder Boris von Brauchitsch einmal hören, was sie davon halten, dass ihre Ausstellungen, ihre Honorare oder Kataloge durch Nichthonorierung und Verzicht von Kollegen gegenfinanziert werden.2

 

„Naja“, wendete ein Kollege jüngst ein, „aber man kann doch vier Arbeiten und davon zwei mit einem höheren Preis einreichen.“

Echt jetzt? Erstens steht ganz klar im Fokus des Konzepts und damit auch in der Außenkommunikation die 500-Euro-Marke. Zweitens wird die Jury auch daher wohl kaum nur die höherpreisigen Werke in die Ausstellung wählen. Drittens werden sich kaufinteressierte Sammler, die hoffentlich ebenso wie der Künstler kalkulieren können, ausrechnen, dass die Preise dieser Werke umso höher angesetzt sind, da ja an den anderen für den Künstler nichts verdient ist. Umso mehr werden sie sich, besonders wenn’s um Multiples bzw. „Auflagenobjekte“ geht, außerhalb der Ausstellung um einen direkten Kontakt zum Künstler bemühen.

Abgesehen davon, dass der Künstler, sofern er wie gesagt rechnet, sein Hauptaugenmerk auf den Verkauf und damit auf die Qualität der höherpreisigen Arbeiten legen wird, womit dann aber das Konzept aus dem Ruder läuft.

Und abgesehen davon: Für breite Bevölkerungsschichten geht der niedrigschwellige Zugang zur Kunst nicht über den günstigen Erwerb von Kunst, sondern erst einmal über keine bis wirklich günstige Eintrittspreise – aber ganz sicher nicht über 500 Euro für ein Kunstwerk. Für manchen ist das immer noch fast eine Monatskaltmiete.

Unter dem Strich – gerade auch in Anbetracht der dargelegten kalkulatorischen Zwänge der „Kunstproduktion“ – wird so aus einer eigentlich guten Idee ein Kunstflohmarkt für Besserverdienende. Wobei dieser Vergleich hinkt: Flohmarkthändler kommen im Gegensatz zu Künstlern mit Geld nach Hause.


PS: Meine liebe Atelier,

ein Nachwort am Rande, weil oben angesprochen, noch zur „sonst so kritischen“ Atelier-Redaktion: Bei Einreichungsgebühren von z.B. 20 Euro auch zu größeren Kunstpreisen bekommt man regelmäßig Heulkrämpfe und mahnt unter jedem Ausschreibungshinweis über den Kamm geschert, d.h. ohne jegliche differenzierte Betrachtung der jeweiligen Ausschreibung an, man solle sich doch mal ganz geschwind einen Sponsor besorgen, statt solche Gebühren zu verlangen.

Aber zur „Blick Fang“ nun kein Wort des Widerspruchs? Lieber zahle ich doch 20 oder 30 Euro, habe dabei die Aussicht auf einen Kunstpreis und kann mein Werk zu einem gerechtfertigten Normalpreis verkaufen, statt wie in Kaufbeuren von einem bereits auf 500 Euro eingedampften Preis noch 250 Euro an den zudem mit Sponsoren gesegneten Veranstalter zahlen zu müssen.


1 und 2: Der Artikel wurde am 1.3.17 um diese beiden Absätze ergänzt.

4 thoughts on “Alle kriegen was – nur der Künstler nicht.”

  1. Sehr geehrter Herr Schmidt,
    vielen Dank! Endlich macht einmal jemand in der Region den Mund auf. Ihr Artikel beschreibt exakt die falsche Stossrichtung derartiger Ausschreibungen und spricht vielen mir bekannten Künstlern aus dem Herzen.

  2. Das ist doch längst nichts neues mehr, sondern seit den Nullerjahren auch in der Kunst, wie richtig vermerkt, neoliberale „Marktwirtschaft“ mit (wie hier) öffentlichen Geldern oder ohne: Den Konsum fördern auf Kosten der Produzenten. Der Kunstbetrieb wendet sich zum Kunstmarkt, und die Kunstszene lebt in Off Spaces genannten, pdeudo-coolen Zoos am Stadtrand von der Hand in den Mund.

  3. Hallo,
    Eigentlich wollte ich mich für die Ausstellung bewerben, habe aber eben auch den Passus mit den 50% gelesen. Danke für dein Statement ich wünsche dir viele Leser denn ich kann deine Argumentation nur bestätigen. Ich wollte morgen die Ausstellung besuchen aber das spare ich mir jetzt, diese abzocke darf man nicht unterstützen.

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