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„Hier liegt die Relevanz von Kunst“

Vernissage der Ausstellung „Kunst für Uns“ der Preisträger des gleichnamigen Wettbewerbes 2014 des Kunstbauraum e.V. Ulm / Neu-Ulm.

10. bis 28. Nov. 2015 in der Stadtbücherei, Heiner Metzger Platz 1.

Hat wirklich viel Freude gemacht, die Kollegialität, der lockere Aufbau, die äußerst interessierten Gäste uvm. – aber ich spare mir das Erzählen, denn nachfolgend gibt es ausreichend wie guten Text von Christian Greifendorf, zweiter Vorsitzender des Kunstbauraum e.V. Ulm/Neu-Ulm.

Installation von Krešimir Crash Vorich und Stephan A. Schmidt, Heiner-Metzger-Platz Neu-Ulm„No pasarán“ – drei übergroße schwarze drei Panzersperren: Unsere Aspekte zur Installation im September 2015 in Kempten →

Diese Denkmäler haben wir zugunsten des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU) am 5. Dezember 2015 bei Ebay versteigert.


Einführung in die Ausstellung – von Christian Greifendorf

Unterschiede

Besonders interessant bei dieser Ausstellung ist die Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Ansatzpunkte künstlerischen Schaffens. Einerseits begegnet uns eine vom Material aus schöpferisch aktiv werdende Spielart künstlerischen Schaffens, die von Dietmar Rudolf repräsentiert wird; auf der anderen Seite steht die Arbeit von Stephan A. Schmidt für einen konzeptuellen Ansatz in der Kunst.

Die traditionelle, in gewisser Weise klassische Vorgehensweise bei den Steinskulpturen Dietmar Rudolfs, bei der Formwille und Materialität eine schweißtreibende und im handwerklichen fussende Synthese eingehen, wird bei Arbeiten wie Skyline – in der Ecke dort – sichtbar. Der behauene, vom Künstler gegen den Widerstand des Materials geformte Stein, der trotz der Annäherung an stereometrische Form seine raue, steinhaft-authentische Oberfläche zur Schau tragen darf. Oder bei der verletzt als gewolltes Fragment sich windenden Skulptur Aufbruch, wo das Material Marmor in seiner ihm eigentümlichen, rauen und auch seiner klassisch polierten Form voll zum Ausdruck beitragen darf.

Bei Stephan Schmidt hingegen verwirklicht sich die Vorstellung einer Arbeit viel eher als im Material zunächst als Idee, die zu ihrer Visualisierung, ihrer Sichtbarmachung noch eines adäquaten Materials bedarf. Diese Idee hat sich zu Beginn der Arbeit noch nicht zwangsläufig seine endgültige Materialität ausgesucht. Deutlich wird dies bei den hochauflösend gescannten zersägten Büchern, die ihren charmanten Witz erst zu erkennen geben, wenn man weiß, dass es sich bei der Serie „Denkmuster“ um das Sozialgesetzbuch, das letzte Telefonbuch der DDR und den allerletzten Quellekatalog handelt. Natürlich ist hier auch zunächst ein aus Papierseiten bestehendes Material vorhanden, das den gedanklichen Umgang eingeleitet haben mag, doch ist hier das Material zunächst zweitrangig – auch wenn sich der Schnitt dann wieder als Ausdruck auf Büttenpapier rematerialisiert. Ebenso als vernetztes gedankliches Spiel vieler Ebenen stellt sich das Abendmahl dar, das nicht nur durch die existentialistische Abwesenheit des Gottessohnes glänzt, sondern darüber hinaus auch noch den Menschen in seiner beinahe soziopathischen Vereinzelung im Lichte seines letzten Freundes, des Smartphones zeigt, das doch auch wieder dem Wunsch des Menschen nach Gemeinschaft und Vergesellschaftung huldigt. Ganz nebenbei wird hier das weite Feld kunsthistorischer Zusammenhänge geöffnet, das die nicht greifbaren Jahrhunderte der Kunstgeschichte ebenso verknüpft wie das Handy den Menschen mit seiner imaginierten Außenwelt.

Gemeinsames

Trotz der genannten Unterschiede, die sich aus den unterschiedlichen Nährböden der beiden Künstler ergeben, die einerseits das Handwerk und das Material sind und andererseits das Konzept, der Gedanke, begegnen sich hier diese beiden Ansätze auf Augenhöhe und in einer spürbaren Harmonie. Wenn sich das steinschwere Schiff – die Arbeit heißt Nave und steht hier mittig – entgegen seiner Materialität zur schwebend wirkenden, fast flüssig dahingleitenden Gedankenform wird und der Durchbruch im Stein den Stein fast bis zur gefühlten Magma-Membran aufweicht, das Material eine Idee von Schwerelosigkeit, von Leichtigkeit und Lebendigkeit annimmt, dann wird die Verbindung zu kinetischen Objekten wie den goldenen Zeiten deutlich, wo ebenfalls Begriffe wie Material, Oberfläche, Wärme, Kälte und Bewegung und ruhende Masse von Belang sind. Haut und Membran im Stein zu spüren und menschliche Haut als Material zu begreifen ist hier gerade kein Umkehrschluss, sondern eine sinnfällig Ergänzung und Bestätigung durch die „Hintertür“ für die jeweils andere künstlerische Position.

Zusammen

Gerade in der Zusammenschau ergeben sich so neue, qualitativ interessante Aspekte der Kommunikation der Arbeiten untereinander. So gelingt es nun den „Jüngern“ des Abendmahls aufgrund ihres Informationsoverkills und – physikalisch interessant und theologisch zu diskutieren – aufgrund ihrer Unfähigkeit im zweidimensionalen Raum dreidimensional wahrzunehmen nicht, die Arbeit Aufbruch in geradezu sakraler Präsentation überhaupt nur zu bemerken. Der eigentlich mit Schwerkraft und erdgebundener Horizontalität in unserer Vorstellung behaftete Stein und die zentrifugal gemessene Zeit, Sinn und Zweck von Schokolade als Mittel zum Genuss oder zum Schreiben – alles wird hier in Frage gestellt und in andere Zusammenhänge gebracht.

Und hier liegt die Relevanz von Kunst. Die Frage nach Material, die Frage nach Sinn, die Frage nach Zweck und Wirkung zu stellen und sie augenfällig im Zusammenhang mit einer zunächst einfachen, aber formal überzeugenden, reduzierten Form zu stellen, das sollte, das muss die Aufgabe von Kunst sein.

Antworten oder Ansätze zu Antworten kann Kunst vielleicht denen geben, die sich dann doch durchgeschlagen haben. Die, die sich anlocken lassen von den Barrikaden vor der Tür des Kunstortes, die, die sich die Fragen stellen, die die sich von noch mehr Rätseln im Innern nicht abhalten lassen, sondern nein, die sich davon herausfordern lassen. Lassen Sie sich nicht abhalten, fordern Sie die Künstler heraus, fragen sie die Arbeiten, fragen Sie sich selbst – …und nicht ihre Smartphones.“

© 11/2015: Herzlichen Dank an Christian Greifendorf für diesen Text und an Katja Egli für die Fotos. Die blanken Infos zur Veranstaltung finden sich unter [Austellungen & Termine]

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