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Kunst ist immer politisch. Weil ihre Freiheit politisch ist.

Laudatio zur Kunstaktion „Heimat 2016“ (Performance für ein achtsames Miteinander) von Guenter Rauch am 30. April 2016 in der Kunsthalle Kempten.

Fast so alt wie die Kunst, zumindest seit der Moderne, ist die gebetsmühlenhafte Frage, wie politisch ist, kann, darf oder soll die Kunst sein?

Grundsätzlich betrachtet ist Kunst sogar derart politisch, dass sie als höchst schützenswertes Gut und Grundrecht in Artikel 5 des Grundgesetzes Eingang gefunden hat: Die Kunst ist frei. Dieses Recht gilt als wesentlich für eine demokratische Grundordnung. Oder anders gesagt: Am Grad der Freiheit der Kunst in einem Staat kann man immer auch den Grad seiner Demokratisierung ablesen.

Kunst ist immer schon deswegen politisch, weil sie absolute Freiheit genießt und diese vorlebt. Wer diese Freiheit nutzt, bildet sie gleichzeitig ab. In Kunstwerken manifestiert sich also diese Freiheit – machst Du Kunst, bist Du frei 2. Und zeigst Freiheit.

Kunst ist also politisch, weil ihre Freiheit politisch ist. Diese entstand aus einem politischen Willen (bei uns im Mai 1949, als mit Blick auf die schwärzesten Jahre unserer Geschichte das Grundgesetz geschrieben wurde). – Oder aber sie wird aus politischem Willen unterdrückt.

Der britische Kurator und Autor David Elliott sagte 2012 als Direktor der Kiew-Biennale in einem Interview: „Kunst besitzt eine seltsame Kraft, die von dem individuellen Willen ausgeht, der sich in der Kunst ausdrückt. Gute Kunst ist kompromisslos und frei. Menschen, die andere Menschen dominieren wollen, fürchten sich vor dieser Kraft“ und unterdrücken Kunst wie z.B. Stalin, Hitler oder Mao.3

Denkt man das weiter, braucht ein Künstler dafür gar nicht erst politische Intentionen; – allein indem er Kunst macht, übt er automatisch, per se politischen Einfluss aus. (Ich erinnere da an die vermeintlich unpolitischen phantastischen Landschaften eines Capar David Friedrich, die ab der deutschen Frühromantik als antifranzösische Reaktion einem identitätsstiftenden deutschen Patriotismus Vorschub leisteten – ob er es wollte oder nicht.)

Und vielleicht hilft es, das Wort Politik etymologisch zu betrachten: Es geht nicht um Tagespolitik und Verwaltungsprozesse, auch nicht nur um die lateinisch-altfranzösische „Wissenschaft über die Staatslenkung“, sondern auch um das ursprünglich griechische „den Bürger betreffend, den Mitbewohner einer Gemeinde“, die polis – d.h. die Gestaltung des Öffentlichen, eines verbindlichen Miteinanders. So ist Kunst ab dem Punkt, wo sie in die Öffentlichkeit geht, gesellschaftlich relevante Kunst und damit immer politisch.

Ebenfalls, wie die Kunstfreiheit, ein Grundrecht ist übrigens das Recht – ich wiederhole, das Recht, nicht Almosen oder Gnadenakt – auf Asyl. (Aber das soll nicht jetzt Thema sein, sondern heute hier ja ganz anders behandelt werden.)

Warum dieser Exkurs? Weil dieses Politische ebenso zum Handwerkszeug eines Guenter Rauch gehört wie Leinwand und Pinsel, und weil Guenter für mich ein politischer Künstler im besten Sinne ist. Und weil ich in seinem Text zu dieser Performance über ein Wort gestolpert bin, das ich eigentlich überhaupt nicht mag: „unpolitisch“. Ich mag dieses Wort generell nicht – für manche ist es heutzutage ja schon schick, sich als unpolitisch zu bezeichnen, aber für mich bedeutet es einfach nur „denkfaul“ und anteilnahmslos – , und zudem schreibt das ja gerade jener Künstler, der vor kurzem auf die über vier Meter hohen Baumstämme seiner ein Jahr alten Installation „70 Jahre Frieden“ im Kemptener Engelhaldepark geklettert ist und – wahrscheinlich mit drei Magengeschwüren – Stacheldraht drangehämmert hat.

In seinem Text steht: „Die Performance ist ein Zusammentreffen von zwei Welten in einer nonverbalen, unpolitischen, künstlerischen Annäherung über die menschliche Seite […]“ Ich weiß, wie Guenter das meint – dass dieses nonverbale „Anschauenfragenantworten“ erst einmal überhaupt nicht politisch ist, sondern ganz persönlich, ja intim. Aber es gibt uns politisches Rüstzeug mit – ein Rüstzeug, das wir heutzutage auch ganz dringend brauchen, wenn die Kanäle vom Stammtisch bis zu Facebook verstopft sind mit realitätsfernen Vorurteilen, Halbwahrheiten, billigen Argumenten, per Mausklick unreflektiert „geshareten“ Meinungen und Lügengeschichten. (Die ganze Flucht-, Asyl- und Migrationsdiskussion ist, auch aus eigener Erfahrung, inzwischen derart erstarrt und versaut, dass uns bei unserem derzeitigen artig-Kunstpreis von Bewerbern vorgeworfen wurde, wir würden Künstler mit deutschem Pass bevorzugen.)

Hier aber, auf und zwischen diesen zwei Stühlen wird wieder Nähe und Realität geschaffen. Kennen statt Vermuten, Wahrnehmen statt Meinen. Achtsamkeit statt Erwartungshaltung. Augenhöhe und Empathie statt Herabblicken oder ein abschätziges „Ich war schon länger hier.“

Und ganz dringend brauchen wir frei-schaffende Künstler wie Guenter Rauch, die ihre verbriefte künstlerische Freiheit nicht nur genießen und auskosten, sondern diese Freiheit auch als Motor und Aufgabe verstehen. Gerade, weil man als Künstler anderen Zugang hat und mit einem anderen Publikum, anderen Erzählformen und auf anderen Bühnen und „Plattformen“ wie z.B. diese Kunsthalle die Themen anders beleuchten und vermitteln kann. Hier ist nicht das Medium die Message, sondern die Kunst der Transporter. Und nicht die Deko fürs Kunstbusiness.

Auch wenn die Kunst per se also frei ist, kann man wie aus jedem Recht auch eine Aufgabe oder eine Pflicht ableiten. Die folgenden knappen Worte stammen nicht aus einer sozialistischen Trinkhalle, sondern stehen ebenfalls seit 1948 im Grundgesetz (Art. 14): Eigentum verpflichtet.

Wenn ich nun Eigentum nicht nur als rein materiell definiere, sondern darunter ebenso geistiges Eigentum, Wissen, Erfahrung und mir verbriefte Rechte verstehe, dann verpflichtet solches Wissen und solches Recht.

Eine solche Aufgabe muss man aber nicht wie eine schwere Bürde tragen, sondern das geht durchaus mit Begeisterung. Schließlich kennt man Guenter Rauch auch nicht dadurch, dass er gequält sagt: Oh nee, jetzt hab‘ ich wieder so ‘ne Kunst-Idee gehabt, und jetzt muss ich die irgendwie durchziehen. Sondern man kennt ihn, wie er immer wieder andere begeistern kann, um bald auch die 29. Porta Alpinae auf den Gipfel des Mittag zu schleppen und dort aufzustellen.

In ihrem vielbeachteten wie rabenschwarzen Buch „Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld“ von 2014 analysieren die beiden Autoren, Feuilletonisten und Politik- wie Theaterwissenschaftler Markus Metz und Georg Seeßlen die grausig-absurde, vielschichtige Komplizenschaft zwischen Kunst und Kunstmarkt, zwischen Geldkunst und Kunstgeld – wie zwischen Liebe und Puff 1. Und zwar so rabenschwarz, dass man sich am liebsten abwenden wollte, wenn sie nicht ab Seite 471 ein „Manifest zur Rettung der Kunst für die Gesellschaft“ (also nicht die Rettung der Kunst an sich, sondern der Kunst für die Gesellschaft, jene griechische polis) liefern würden:

Der fünfte von 42 Punkten lautet da, und das ist das, was mir sofort in den Sinn kam, als ich von Guenters Projekt „Heimat 2016“ hörte: „Es geht nicht darum, „politische Kunst“ zu machen. Es geht darum, Kunst politisch und politisch Kunst zu machen. Und es geht nicht darum, politische Kunst zu sehen, sondern Kunst politisch zu sehen.“

Denn man werde den Künstlern nicht mehr durchgehen lassen, dass sie sich politisch dumm stellen und diese Dummheit dann als „Reinheit“ verkaufen, so die Autoren, die damit letztlich nur eines fragen: Stell dir vor, es ist Politik – und keiner geht hin?

Ganz dringend braucht es solche Künstler also auch deswegen, weil es in der bildenden Kunst derzeit nicht gut bestellt ist um klare Ansagen und Haltungen – die würden ja auch nur stören beim Geschäftemachen im beschaulichen Elfenbeinturm.

Vor zehn Tagen titelte das Kunstmagazin art auf seiner Website: „Bin im Theater“! Fast die eigene Existenz in Frage stellend schreibt der Kolumnist Raimar Stange: „Ist es nicht überraschend, dass das im Moment meist diskutierte deutsche Aktionskunst-Kollektiv (das „Zentrum für politische Schönheit“) sich im Medium des Theaters verortet und nicht im eigentlichen Betriebssystem der Kunst? Tatsächlich scheint es so, dass die Institutionen der Kunst inzwischen nicht mehr in der Lage sind, der politischen Kunst eine adäquate Bühne zu bieten.“ Und: „Kaum noch ein engagiertes Bildungsbürgertum (das gesamtgesellschaftlich wohl eh vom Aussterben bedroht ist) gibt da den Ton an, sondern – zugespitzt formuliert – eine Gemengelage aus lifestyliger Jeunesse dorée, distinktionsbewussten Akademikern und besagten Neu- und Altreichen.“

Hat man diesen niederschlagenden Artikel zu Ende gelesen, kann man sich glücklich schätzen, heute hier in der Kunsthalle zu sein, – nicht um als Adressat den nächsten rationalen Beitrag zu einer eh schon zerredeten Debatte zu hören, sondern um an sich selbst, als aktives Subjekt Kunst miteinander als vorgelebte Freiheit zu erfahren.

Das Inventar hierzu ist spärlich: Zwei Stühle, ein offenes Tor – Kunst. Und Anstiftung zur Kunst und zum Spiel mit ihrer Freiheit. Und eben nicht nur Kunst, jedenfalls nicht Kunst um der Kunst willen.

Eine tiefergehende Interpretation, eine Einordung oder Bewertung dieses Werkes, einer in sich flüchtigen wie – zum Glück – nicht verkäuflichen und ungesteuerten Performance, kann und will ich hier nicht liefern. Da muss jeder selbst durch – wie durch diese Pforte. Zudem gute, starke Kunst solche Interpretationsmomente selbst liefern kann und muss – ohne Laudatoren als Krücken, und egal, ob im Theater, auf alpinen Gipfeln oder eben hier.

Es bleibt mir, bei aller Vorrede, nur eines noch zu sagen: Lieber Guenter – Danke, dass Du Dir diese Freiheit nimmst und das hier machst.

© 04/2016: Stephan A. Schmidt – Foto: Florin Wendel, www.florianwendel.de

Guenter Rauch online www.alpinien.de und bei facebook.com/alpinien


1 Auch wenn ich die beiden deutschen Kunstmagazine hier zitiere, habe ich dennoch spätestens immer dann ein Problem mit ihnen, wenn sie die Rubrik „Auktionen“ oder „Kunstmarkt“ aufmachen. Denn wenn dies Zeitschriften zum Thema „Partnerschaft & Beziehung“ wären, wie müssten diese Rubrik dann heißen? Genau: Puff.

2 Machst Du Kunst, bist Du frei: Es bräuchte einen eigenen Essay, einmal zu beleuchten, wieviel Potential darin steckt, dies in seiner „Künstlerwerdung“ zu erfahren und durchaus mit Sendungsbewusstsein weiter zu geben. Außer man ist nicht frei, weil man meint, vom Markt abhängig zu sein – weil man Freiheit längst mit konformistischer Kreativität verwechselt. Diese Freiheit bereits im Kunstunterricht erfahren zu lassen, wäre mindestens so wichtig wie die Vermittlung von Maltechniken.

3 in: Monopol, Ausgabe 5/2012 – gesamtes Interview unter monopol-magazin.de/gute-kunst-ist-immer-politisch

One thought on “Kunst ist immer politisch. Weil ihre Freiheit politisch ist.”

  1. Vielen Dank für diesen guten Text, den ich nur in allen Punkten unterstreichen kann.

    Dass Kunst, die sich die Freiheit nimmt, nicht den Regeln des etablierten Marktbetriebes zu folgen, ausgegrenzt und auch von den Museen und Kunstmagazinen gemieden wird, habe ich über die Jahre bis heute erfahren müssen. Hierzu finden Sie aktuelle Infos – z.B. über unseren Rausschmiss aus der Art Cologne – auf http://hackblockblog.wordpress.com.

    Beste Grüße
    Hermann Josef Hack

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