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Kunstpreis für „Keiner von Euch“

Ein tiefschwarzer Raum, nur zwölf Smartphones beleuchten ihre Besitzer an einem langen Tisch: Für Keiner von Euch, eine großformatige Restlicht-Fotografie und Adaption des rund 520 Jahre alten Wandgemäldes „Das Abendmahl“ von Leonardo da Vinci konnte ich am 4. Juni 2016 den Landesberger Kunstpreis „LICHTgestalten“ mit nach Hause nehmen.

Infos und Fakten
Die Künstlergilde Landsberg-Lech-Ammersee hatte diesen Preis anlässlich des Dominikus-Zimmermann-Jahres zum 250. Todestag des bedeutenden Rokokoarchitekten und Bürgermeisters von Landesberg bayernweit ausgeschrieben. Ausgelobt waren zwei je mit 2.000 Euro dotierte Hauptpreise: einer für zwei- sowie einer für dreidimensionale Kunst, der an Monika Supé (www.monikasupe.de) aus Hohenschäftlarn ging. Nominiert waren von einer Jury 57 Werke, die vom 5. bis 19. Juni in einer facettenreichen Ausstellung in der Säulenhalle Landsberg, Schlossergasse 381, zu sehen sind – darunter auch zwei Gemälde meiner artig-Kollegen Susanne Praetorius und Krešimir Crash Vorich.

Die Laudatio
Norbert Kiening, Vorsitzender des BBK Schwaben-Nord und einer der Juroren, würdigte in seiner Laudatio das Werk Keiner von Euch. Diese zeitgenössische Neuinterpretation von Da Vincis berühmten Abendmahl hebe sich in vielerlei Hinsicht ab von zahlreichen Nachahmungen, darunter eine mit den Simpsons oder mit Gummibärchen, „aber ich konnte kein Abendmahl entdecken, dass die Hauptperson Jesu im Zentrum des Bildes wegließ. […] Im Zentrum, in der Mitte eigentlich der Platz von Jesus, klafft eine Lücke breiter als beim Original im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Gracie, und anders als bei Da Vinci ist der Raum, der Vorder- wie der Hintergrund schwarz.

Der Betrachter kann nicht nachvollziehen, wo sich das Geschehen abspielt. Aber alle Personen sind von einem geheimnisvollen kalten Leuchten erfüllt, welches, wie man bei näherem Hinsehen feststellt, von den Smartphones in den Händen der Protagonisten herrührt. Die Gesellschaft ist nicht aufgeregt im Gespräch wie beim originalen Abendmahl angesichts der Offenbarung Jesu, dass einer der Jünger ihn verraten werde, sondern ist in sich gekehrt.

Alle Kommunikation spielt sich offensichtlich nur online im Dialog mit den Handys ab. Das Abendmahl – das wir nur mit Wissen von Da Vincis Original als solches erkennen, kann eigentlich keines sein, weil weder Speisen noch Getränke, noch Besteck und Geschirr auf dem Tisch zu sehen sind – wird zeitgenössisch neu interpretiert. Möglicherweise ist die Nahrung der Protagonisten ja die Information aus dem World Wide Web, oder kann die Verbindung zum Herrn, der ja schon entschwunden ist, nur online hergestellt werden?

Es ist nicht nachvollziehbar, ob es sich überhaupt um eine Offenbarung des Herrn handelt, die den Usern zugeht. Vielleicht ist es ja eine andere Information als die eines Verräters in der Gemeinschaft, die hier überspielt wird.“ Der Titel Keiner von Euch deute dies an, so Kiening.

Weitere Interpretationen
Während der Vernissage nach meiner Interpretation gefragt, wollte ich diese gerne offen lassen und anderen damit nicht den Weg zu ihrer eigenen „Story“ verbauen. Mit dem Titel Keiner von Euch sei zumindest soviel gesagt: In ihrem digitalen Autismus wird wohl keiner der Zwölf irgendjemanden verraten oder eine Revolution anzetteln. Warum – das ist eine andere Frage. So wie die ganz andere, phantasiereiche Frage eines rund zehnjährigen Buben auf einer anderen Ausstellung: „Ist der Jesus grad sein Handy-Ladekabel holen gegangen?“

 

© 06/2016: Herzlichen Dank an Norbert Kiening (www.norbert-kiening.de), Vorsitzender des BBK Schwaben Nord/Augsburg, für die Bereitstellung seines Manuskripts und an Katja Egli für die Fotos. Die blanken Infos zur Veranstaltung finden sich unter [Ausstellungen & Termine].

Bericht in der Landsberger Zeitung: www.augsburger-allgemeine.de/landsberg…
Bericht im Kreisboten Landsberg: www.kreisbote.de/lokales/landsberg…


Tech-Sprech
Weil’s gerade bei Fotografie auf Vernissagen nebst künstlerischen auch immer viiiiiiiele technische Fragen gibt: Bei Druck und dem Aufziehen achte ich immer auf Museumsqualität. Die archivfesten Fine Art Prints mit K3 Pigment-Tinten auf hochwertigen Künstlerpapieren von Hahnemühle (hier: Photo Rag matt, 308 g/m² Bütten) versiegle ich mit Hahnemühle Protective Spray; alle anderen Sprays sind entweder komplett Müll oder verändern gerade in dunklen Bereichen die Farbtöne. Die Prints ziehen wir mit Gudy Neschen 831 auf, einem beidseitig permanent selbstklebendem Langfaserpapier, beschichtet mit einem alterungsbeständigen und dauerelastischen Acrylatkleber. Dieser ist lösungsmittelfrei, was weniger meiner Gesundheit als vielmehr dazu dient, dass der Kleber nicht irgendwann durchschlägt, das Papier vergilben lässt oder die Farben verändert. Und die selbstgebeizten Schattenfugenrahmen (meist als Bausatz von Stauden Leisten) machen das ganze nicht nur hübsch, sondern schützen und dienen sozusagen als umlaufende Tragegriffe.

Das prämierte Werk Keiner von Euch ist 75 x 150 cm groß und wurde nicht, wie oft vermutet, zwölfmal geschossen, sondern nur zweimal mit einer 24 MP Kamera – aus einfachen Gründen: Um die Auflösung hinzubekommen, und um möglichst mit 50 mm statt mit breiten Weitwinkeln von vornherein Kissen- und Tonnenverzerrungen zu vermeiden. Photoshop wurde nur, also ohne weitere Retusche-Spielereien und sonstigem Gebastel, zum Zusammenfügen der beiden Fotos verwendet. Entwickelt wurden die RAW-Files in DXO, wobei ich an einem hardware-kalibrierbaren Monitor streng darauf geachtet habe, die ursprünglichen Farbtöne nicht zu verfälschen. Das Licht kam im komplett abgedunkelten Raum ausschließlich aus zwölf Smartphones; nur ein Feuerzeug half mir hin und wieder, den Auslöser zu finden und nicht über das Stativ zu stolpern. Und für alle Nerds: f3,5 | 1/5 Sec. | ISO 1.600 | Bilddatei 46,9 Megapixel | Nikon D7100 mit Sigma Art 18-35mm f1,8. Amen.

Bei Positionierung, Größenverhältnissen und Raumgeometrie habe ich einen hohen Anspruch auf die Nähe zum Original gelegt; die Länge des Tisches dürfte exakt Da Vincis Realität entsprechen, auch wenn bei ihm die Sitzpositionen außerst unnatürlich sind (Becken an Tischkante). Womit wir langsam wieder beim Bildinhalt wären…

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