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„Was zum Teufel sind Hobbys?“

Stephan A. Schmidt gefragt von Jonathan Besler. Das Interview erschien im artig’15 Magazin zur Ausstellung am 20.6.15.

Wie lange machst Du schon Kunst?
Schon seit meinem vorvorletzten Leben. Aber ich war dann etwas erschöpft und habe in diesem Leben erst einmal Pause gemacht, bis ich über 40 Jahre jung war. Aber auch das kommt mir schon wieder wie eine Ewigkeit vor.

Bist Du zufrieden mit dem, was Du machst, und würdest Du es wieder so machen?
Schon. Vielleicht würde ich bei manch einem älteren Werk inzwischen hier oder da etwas anders machen, aber generell ist mir das zu rückwärts gewandt. Jedes Werk ist das Produkt seiner spezifischen Zeit, hat seine Beweggründe und Umstände, und hat damit seine Berechtigung – sofern man damals schon mit Anspruch an die Sache gegangen ist. Und es wäre mir eine zu fiese Frage, so als ob ich Eltern fünf Jahre später fragen würde: „Na, schaut Euch Euer Kind mal an. Würdet Ihr es wieder so machen?“ Dabei hat das Kind längst seine eigene Berechtigung. Also: Ja. Zweimal ja.

Machst Du außer Deiner Kunst auch noch etwas hauptberuflich?
Gezwungenermaßen, aber deswegen nicht ungern: Werbung, Text, Grafik, Websites, Konzepte. Seit vielen Jahren. Von meiner Kunst könnte ich sowieso nicht leben, die ist zu sperrig, nicht mal inhaltlich, sondern sie passt nun mal kaum in schöne Häuser an schöne Wände. Andererseits bin ich froh drum, jenseits meines Jobs meine Kunst in einem zwang- und damit kommerzfreien Raum machen zu können. Ich kenne Künstler, die sind fast daran zerbrochen, verkaufsfähige Kunst zu produzieren, weil der Galerist danach schrie, oder weil sie einfach Hunger hatten.

Zudem ist‘s ja so, dass 95 Prozent aller Künstler nicht von ihrer Kunst leben können. Und die Hälfte der anderen fünf Prozent tut auch nur so, als ob sie davon leben würden. Bleiben die 2,5 Prozent Front Page Artists, über die immer geredet wird, wenn es um „die Kunst“ geht.

Was sind Deine sonstigen Hobbys?
Ich frage mich gerade, was zum Teufel Hobbys überhaupt sind. Das, wozu man nicht kommt? Oder das, bei dem man schon wieder g‘schäftig rumwurschtelt? Dann wäre mein (Anti-)Hobby: Nichts tun, gemütlich rumsitzen, Müßiggang. Mit Freunden einfach mal nur zusammensitzen. Alles andere sind für mich wichtige, sinngebende Interessen: Unsere Galerie bespielen, Kunst anschauen, darüber lesen, und wenn noch Zeit bleibt, Literatur, also Sprache und Musik, viel Musik. Ansonsten mache ich täglich ca. sechs bis sieben Stunden Yoga. Während ich schlafe.

Warum keine Fotografie?
Ömmm… doch, auch schon. Auf der artig‘15 wird vermutlich die größte Fotografie von mir sein – bzw. das, was ich aus mehreren Fotos gebaut habe. Und gerade wegen diesem „Bauen“ sage ich für mich gerne „Fotografik“ dazu.

Andererseits arbeite ich als Künstler wenig mit der Kamera, weil ich beruflich bereits viel mit Fotografie und der ganzen Technik drumherum zu tun habe, also eh‘ den ganzen Tag in Monitor starre, und früher viel als Pressefotograf gearbeitet hatte. Da komme ich in Sachen Kunst ins Schwimmen; es fällt mir schwer, einen Trennstrich zu ziehen, ab wann Fotografie, zumindest meine, für mich nicht mehr Deko oder kapitalistische Gebrauchsfotografie ist, sondern Kunst. Ähnlich schwer vorstellbar ist für mich, wenn ich tagsüber Redenschreiber wäre oder Zeitungsredakteur – also den ganzen Tag Text – und dann abends noch Gedichte schreiben würde.

Und weil Du in Kunstausstellungen ganz schnell einen Haufen Leute vor Fotografien stehen hast, die das Bild aus einem Zentimeter Entfernung aus allen Blickwinkeln betrachten und dabei die Aussage vergessen. Stattdessen geht es um Körnung, Rauschen, Repro, Kaschierung, Aludibond oder nicht – den ganzen Materialschlachtscheiß.

Zudem gibt es bereits mindestens zwei Menschen, die in etwa so fotografieren, wie ich es auch gerne tun würde: Andreas Gursky und Taryn Simon. Aber a) gibt es die schon, b) liegt da die Latte sehr hoch, und c) fehlt mir das Geld für Gursky‘s Hubschrauber und den LKW, der die riesen Drucke dann zur Ausstellung fährt, sowie  Taryn Simons Reisekasse. Sofern mir in diesen speziellen Feldern nicht auch die Ideen ausgehen würden… Ich habe zwar etliche Fotoprojekte klar vor Augen, aber es gibt soviel andere Kunst, die auch zu tun ist, und für die ich andere Ausdruckssprachen und Techniken gefunden habe – fernab meiner Computer.

Was war bisher Dein größter Erfolg?
Als ich in der 12. Klasse Erster beim Tausendmeterlauf war, während die ganzen Pseudoschönfußballer ab 800 Meter in die Büsche kotzten. Ansonsten: keine Ahnung. Folgenreiche Sachen sind mir lieber als Erfolge; um derentwillen arbeite ich nicht. Aber um die Frage doch zu beantworten: Es war bisher jedes Mal wieder der größte Erfolg, ein Werk zu vollenden.

Wie stellst Du Dir Deine Arbeit in zehn Jahren vor?
Erhofft oder befürchtet? Keine Ahnung. Vielleicht entspannter, vielleicht politischer, falls die neoliberale Leistungsbrühe noch mehr stinken wird und der globale Laden am Abgrund steht. Langfristige Erwartungen können aber massiv danebengehen. Daher lass‘ ich mich lieber überraschen und freu mich erst mal drauf. Das große Fass Fatalismus kann man dann ja immer noch aufmachen. Davon hätt‘ ich noch ein paar aus den letzten Leben.

© 06/2015: artig e.V. Kempten, Fotos Katja Egli. Zum gesamten Magazin als Blätterkatalog…

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