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„Ständige Unterforderung ist naiv.“

Stephan A. Schmidt gefragt von Mitausstellern des artig’13 Kunst- und Kulturevents in Kempten. Das Interview erschien im artig’13 Magazin zur Ausstellung am 21.9.13.

Peter Steininger: Welche Landschaft der Welt würdest Du nach meiner Frage spontan bereisen wollen?
„Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut“, sage ich jetzt mal mit Karl Valentin. Denn ganz unspontan heißt die Landschaft erst mal Markthalle – und dann geht‘s von Marokko nach Südspanien.

Thomas Guggemos: Kann man mit Kunst was bewegen?
Man kann, wenn man will – aber eher langfristig. Und auch ohne. Außer es fehlt einem die Intention, der Wille, die Kraft und vor allem die Geduld.

Sonja Hüning: Welcher moralische Anspruch hat für Dich höchste Priorität?
Ohje – mit Moral wurden schon viele Lügen verpackt, Menschen manipuliert oder in den Tod geschickt. Ohne eine aufgeklärte, humanistische Bildung ist Moral nur Dressur und einen Dreck wert.

Boris Bösker: Gab es ein Schlüsselerlebnis in Deinem Leben, dass Dich dazu bewogen hat, Kunst zu schaffen? Wenn ja, wie stellte sich dieses dar?
Ich weiß es noch wie heute: Im Alter von fünf Jahren erschien mir August Bebel im Traum, wollte mir etwas sagen, wurde aber plötzlich vom Blitz getroffen. Darniedersinkend ächzte er: „Mein Junge, mach‘ keine Politik, sondern Kunst.“ Die folgenden 35 Jahre erinnerte ich mich immer wieder einmal daran, aber ich wurde ständig davon abgehalten.

Mercedes Rodriguez de Vetter: Wenn Du ein Stein oder Holz wärst, was und warum wärst Du es?
Wenn ich eins von beiden wäre, dann, weil ich blöderweise versäumt hätte, es nicht zu sein.

Krešimir Crash Vorich: Wenn alles Kunst ist, was soll man noch machen?
Sie ausstellen. Aber das Beuys’sche „Alles ist Kunst“ und „Jeder ist ein Künstler“ ist ja nicht als Verallgemeinerung oder als Ausweitung in den gesamten Alltag und seine Gegenstände zu verstehen, sondern als Absage an den Werk-Begriff. Kunst sei nicht mehr die Herstellung von etwas, sondern die Feststellung, dass etwas Kunst ist. Daher wird nie alles zur Kunst werden, weil sicher nie alles zur Kunst ernannt oder z.B. in eine Ausstellung gestellt werden wird. In diesem Sinne: Wenn wir heute alles, was wir wollten, zur Kunst ernannt und in eine Ausstellung getragen haben, wird sich morgen sicher wieder Neues finden. Es bleibt immer genug Kunst zu „machen“.

Susanne Praetorius: Wie würdest Du selbst Deine Kunst – inhaltlich und stilistisch – beschreiben?
Ich habe keinen „einen“ Stil, sondern eher Parallel-Phasen; mir gelingt es daher nicht, meine Werke in eine katagorische Schublade einzutüten. Manche würde ich auch nicht gleichzeitig in eine Ausstellung nehmen. Die jüngeren Arbeiten sehe ich allesamt – sofern das als stilistische Klammer dienen kann – als zu „undekorativ“ für‘s Wohnzimmer.

Und inhaltlich? Inhalt ist hier zu Lande in der Postmoderne ja out. Manche Künstler versuchen’s daher verkopft durch die Wand. Oder: „In unseren Breiten scheuen die Künstler die Botschaft“, weil das Direkte verpönt sei und als naiv erscheine, konstatierte art-Chefredakteur Tim Sommer in der Ausgabe Juli 2013. Für mich aber ist das nicht naiv, sondern feige bis einfach nur langweilig, aus müder wie reaktionistischer Scheu und aus falscher Rücksicht vor der allerorts als Teufel an die Wand gemalten Übersättigung. Das, diese ständige Unterforderung ist naiv.

„Yes we gähn“, diese Kritik am letzten und an diesem Wahlkampf in Deutschland, gilt für mich oft auch im etablierten Kunstbetrieb. Heribert Prantl schrieb jüngst in der SZ (nur) zum Wahlkampf, diese kulissenhafte, einlullende Langeweile suggeriere Ruhe und Gefahrlosigkeit, wiege in trügerischer Sicherheit. Für mich fing das schon im Plastik-Pop der 80er an. Und längst dient unter der rosa Tapete „Alles ist gut und eigentlich ganz toll“ eine dröge, schönfärbende Langeweile als Rückzugsort für das Individuum, das machtlos resigniert hat vor den ständigen Überforderungen einer komplexen globalisierten Welt, in der es immer unmöglicher wird, Ursachen und Antworten zu finden. Auch und gerade in der Kunst.

Am Ende des Mittelalters fand Kunst den größten Platz als hamonieüberhebendes, sakral-illustratives Beiwerk in pompösen, bewusst Macht und Glanz verstrahlenden Kirchen bzw. christlicher Paläste – und heute wird Kunst zur unterwürfigen Deko für gemütliche (Nicht-)Denknischen. So manche Vernissage wird zum Puff der Affektiertheiten und überheblicher Deutungshoheitsansprüche. Und alle ernsthafteren Menschen stehen vor „Werken“ und meinen, zwanghaft darin etwas finden zu müssen, um nicht wie völlig deutungsunbegabte, emotionslose und ungehobelte Vollidioten dazustehen. „Gott, Leute, die nicht verstehen, warum dieses Regal voller bedeutungsschwangerer Flohmarktscheiße ist, sind so dumm und ungebildet. Stellt euch vor, ihr müsst diese Ausstellung einem Alien oder einem Menschen aus dem Mittelalter erklären. Ich wette, das könnt ihr nicht“, schreibt ein Kolummnist unter dem Psyeudonym Glen Coco Mai 2012 in einem seiner typisch rotzfrechen wie lesenswerten Artikel im Magazin Vice (www.vice.com/de/read/ich-verstehe-kunst-einfach-nicht).

Um aber die Frage nicht nur mit Abneigungen zu beantworten: Die inhaltlichen Schwerpunkte meiner Arbeiten werden – für mich – charakterisiert durch Attribute wie: nachdenklich, hinterfragend bis ablehnend, offen, interpretativ, postneoliberal, eher schwarz als weiß (weswegen ich gerne mit weißer Farbe arbeite, um das etwas zu kontern), und dennoch, so hoffe ich, mit mindestens einem Schuss Ironie. Jedenfalls prüfe ich eine jede erste Idee darauf, dass sie nicht moralisierend oder zu (tages-)politisch rüberkommt, und dass sie dem Betrachter genug Raum und Impulse für eigene Interpretationen bietet oder ihn bestenfalls dazu herausfordert, ohne aber danach im Schüttelreim zu schreien.

(Und danke für die Frage – hat mich Stunden gekostet, die anderen Antworten wieder zu kürzen.)

Florian Wendel: Wenn man Deine Kunst essen könnte, welches Gericht bekäme man vorgesetzt?
Et voilà, es ist angerichtet: Ein mit Gemüse übervolles Gewächshaus, darin ein randalierendes Wildschwein, ein geladenes Jagdgewehr, eine Flasche Olivenöl, ein Grill, eine angenehme, attraktive und intelligente Gesprächspartnerin und eine Woche Zeit.

Klaus „Bschese“ Kiechle: Wenn Du Schauspieler wärst, was wäre Deine Traumrolle in einem Film oder Theaterstück?
Wenn ich denn einer wäre und das wirklich gut könnte, dann der namenlose (und einzige) Protagonist in René Polleschs Volksbühnen-Stück „Kill your Darlings!“.

Werner Kimmerle: Was reizt Dich, Kunst zu „produzieren“?
Der Zwang, der Idee Inhalt und Form zu geben.

Maria Kiechle: Hast Du schon mal erwogen auszuwandern?
Der Planet dafür wurde leider noch nicht entdeckt. Aber abgesehen von ein paar Spinnereien als Jugendlicher – nein, denn ich glaube nicht, dass es anderswo besser ist oder einfacher; wenn dann würde ich lieber mal für ein paar Jahre z.B. nach Berlin gehen oder nach Prag. Oder mit dem nötigen Kleingeld nach Südfrankreich, nach Barjac in den Cevennen; dort wollte Anselm Kiefer doch mal seinen Industriekomplex verkaufen.

Oliver Kromm: Stell Dir vor, Du wirst als Tier wiedergeboren – welches Tier würdest Du gerne sein?
Die fliegende Fragestellerfresshyäne, die all jene Fragesteller frisst, die mich mit jenseitigen, transzendent-theoretischen Möglichkeitsgrübeleien aufhalten.

Kathrina Baumgartner: Zitat von Schiller: „Kunst ist eine Tochter der Freiheit.“ Frage: Trifft dies auch heute noch in Deutschland zu?
Ich weiß nicht, ob der liebe Herr Schiller da (noch?) recht hat. Wenn ich gerade aktuell Künstler in Kairo oder Peking sehe, die in Diktaturen und autokratischen Staaten aufwuchsen oder dort gar auch arbeiten, dann ist Kunst eher eine Mutter der Freiheit.

Matthias Herzog: Welches ist Dein Lieblings-Zitat und warum?
Das wäre auch gleichzeitig die Antwort auf‘s warum: „Ein Wegweiser muss nicht dorthin gehen, wohin er weist.“ (Max Scheler, 1874 – 1928, deutscher Philosoph)

Robert Liebenstein: Ist Kunst ohne Kaffee möglich?
Ebenso wie Uns ohne Affe. Aber wenn ich das jetzt sage, meint jeder, dass bei mir kein Kaffee ohne Grappa möglich wäre. Denn das wiederum wäre nur umgekehrt möglich.

© 09/2013: artig e.V. Kempten. Zum gesamten Magazin als Blätterkatalog…

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