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Versiegt (aus der Serie Denkmuster)

2015
Scan vom Aufschnitt des Quelle-Kataloges 2009, 10-fach vergrößerter Pigmentdruck auf Büttenpapier
193 x 32 cm (im Schattenfugenrahmen; auf dem Dreier-Foto das dritte Werk rechts)

A. Aufschnitte – zur Werkserie

Alles unter Kontrolle, nichts wird dem Zufall überlassen: Das gilt heute in fast allen Lebens- und in allen Berufsbereichen. Auch in der Produktion von dicken Büchern und Katalogen. Jeder Satz ist gut überlegt und zweimal lektoriert, jeder Absatz bewusst gesetzt, das Layout nach psychologischen Erkenntnissen in durchgängigem Raster aufgezogen, vor dem Druck wird geprooft und geprüft.

Legt man ein Buch wie ein Brot vor sich hin, schneidet es senkrecht in der Mitte durch, und betrachtet die Schnittfläche unter einer Lupe, zeigen sich wie in einem Labor zugleich Zufall und Ergebnis von Kontrolle in willkürlichen Mustern. Und nur durch diesen Schnitt offenbaren sich alle Zeilen des gesamten Werkes gleichzeitig: In einem einzigartigen Muster kulminiert  graphisch die Intention des Autors.

Auf ähnlicher Suche nach „Denkmustern“ war 1925 – 1927  der deutsche Neurologe Oskar Vogt am sowjetischen Institut für Hirnforschung in Moskau: Er schnitt Lenins in Paraffin gelegtes Gehirn in 30.953 nur 0,02 Millimeter dünne Scheiben und untersuchte sie unter dem Mikroskop. → mehr u.a. unter www.spiegel.de/einestages

B. „Versiegt“ – zum Werk

Die typisch deutschen Versandhauskataloge – auch „Universalkataloge“ genannt und als Konsumbibeln oder gar „unsere kleinbürgerliche Hölle“ (Hans Magnus Enzensberger 1960) kritisiert – stehen seit den 50er Jahren mit ihren Rekordauflagen als Symbole für den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder Deutschlands. Ihre Herausgeber zählen zu den hochdekorierten Unternehmern, die, erhoben zu unantastbaren Pionieren, unser in Trümmern liegendes Land mit bloßen Händen wieder aufgebaut haben.

Gerne wird dabei vergessen oder bewusst unterschlagen, dass „die, die unser Land wieder aufgebaut haben“, oft genau dieselben waren, die eben dieses Land zuvor in Trümmer gelegt oder „nur“ in kollektiver Blindheit dabei weggesehen haben, wie ein Staat gleichgeschaltet, Länder annektiert, Millionen Menschen tyrannisiert, gequält, der Heimat beraubt und grausam ermordet wurden.
(Nicht) zufällig waren die beiden späteren Marktführer und immer willkommenen Arbeitgeber*, Gustav Schickedanz (Quelle) schon seit 1932, also vor der Machtergreifung Hitlers, Mitglied der NSDAP, sowie Josef Neckermann seit 1933 zuerst Mitglied der SA-Reiterstaffel und ab 1937 Parteimitglied. Im Zuge der Arisierung und Enteignung von jüdischen Unternehmern wuchsen beide Firmen durch Käufe diverser Immobilien, Firmen und Fabriken aus jüdischem Eigentum zu diktierten Spottpreisen.

Schickedanz und Neckermann wurden 1948/49 als „Mitläufer“ eingestuft und erhielten in den Jahren danach Stück für Stück Vermögen und Firmeneigentum zurück; Schickedanz schrieb Vergleichszahlungen an die von der Enteignung betroffenen jüdischen Familien von der Steuer ab.

„Versiegt“ ist der Scan vom Aufschnitt des letzten Quelle-Kataloges, der 2009 vor der endgültigen Pleite mit einer vom Freistaat Bayern geförderten Auflage von 8 Mio. erschien.


* „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ u. a. von: Angela Merkel, Jürgen Rüttgers, Edmund Stoiber, Franz-Josef Jung sowie auf CSU-Wahlplakaten 2002 
   „Sozial ist, wer Arbeit schafft.“ Alfred Hugenberg 1933

© 2015 – Fotos: Katja Egli, Stephan A. Schmidt