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Fast Shopper (Consumer’s Rest II)

  • Fast Shopper (Consumer’s Rest II)

2013
Einkaufswagen, WC-Sitz mit Deckel, Lack
104 x 82 x 50 cm

Vor 30 Jahren noch sollte es der Konsument einfach nur gemütlich haben: 1983 schuf der als „kritischer deutscher Designer und Künstler“ bezeichnete Frank Schreiner in Berlin unter dem seither bekannten Pseudonym Stiletto seinen ersten Consumer’s Rest Lounge Chair und wurde als führender Vertreter des „neuen deutschen Designs“ bekannt. Ein erstes Exemplar des fälschlicherweise als Ready Made bezeichneten (weil weiterbearbeiteten und lackierten) Einkaufswagens steht heute im Museum für Angewandte Kunst in Köln. Der Prototyp war zweifarbig rot/schwarz lackiert; hunderte weitere Exemplare in verschiedenen limitierten Editionen folgten hauptsächlich farblos oder goldgelb verzinkt sowie in Rot, und seit 1990 auch im Maßstab 1:6 als „Short Rest“ für Kinder. Sie sind unter anderem im V&A London, dem Vitra Design Museum Weil am Rhein oder im Cooper-Hewitt National Design Museum New York zu sehen.

Und inzwischen, ganz zeitgenössisch direkt im Thema, kann man diesen Einkaufswagen auch bei ebay für ein paar Tausender einkaufen – Zitat aus einem ebay-Angebot von 2015: „Der Stuhl ist in einem guten Zustand mit Alters- und Gebrauchsspuren […] und hat eine Sitztiefe von 43 cm.“

"Consumer's Rest" und "Short Rest" von Stiletto (in der Kunsthalle Nürnberg)

„Consumer’s Rest“ und „Short Rest“ von Stiletto (in der Kunsthalle Nürnberg)

Die kunsthistorische Rückwärtskurve vom Lounge Chair zum Fast Shopper führt über ein echtes, weißes  Ready Made aus dem Sanitärbereich – und wohl das erste Ready Made überhaupt: Marcel Duchamp legte 1917 ein handelsübliches Urinal auf einen Sockel, nannte es „Fountain“, erklärte es zur Kunst und vertrat nach seinem Konzept des Objet Trouvé die Meinung, dass bereits die Auswahl eines Gegenstandes ein künstlerisches Werk sei – damals ein Kunstskandal. Duchamp, in den USA als Künstler durchaus bekannt, reichte das Urinal zur Jahresausstellung der New Yorker Society of Independent Artists unter dem Pseudonym R. Mutt ein, um seine Urheberschaft zu verschleiern. Er widerlegte mit dem Werk die im Vorfeld proklamierte „freie unzensierte“ Teilnahme: Fountain wurde von der Ausstellung ausgeschlossen. Trotz der 2.500 Werke von 1.200 namhaften Künstlern wie z.B. Pablo Picasso blieb die Ausstellung nun vor allem wegen des einzigen nicht gezeigten Kunstobjekts im Gespräch.

Ob der geneigte Betrachter diese kunsthistorischen Rückgriffe für seine ganz eigene Betrachtung und Interpretation nutzen kann oder mag, sei allein ihm überlassen. Es wird, so hoffe ich, ebenso Verschiedenes dabei herauskommen, wie es die spontanen Ideen von Freunden sind: Manche setzten sich einfach rein, andere wollten den Fast Shopper im Supermarkt vor verduzten, „echten“ Shoppern durch die Regalschluchten schieben, und jüngst wurde er fast geklaut: Zwei beim Davonschieben ertappte Studentinnen gaben mit einer unerschütterbaren Selbstverständichkeit an, dass sie damit in einen nahegelegenem Club tanzen gehen wollten.


weiterführende Links:
Wikipedia-Seite zu Duchamps Fountain
Wikipedia-Seite zu Stiletto
Consumer’s Rest bei museenkoeln.de

© 2013 – Foto: Stephan A. Schmidt