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Everything Pop (No. 1-5)

  • Everything Pop (Nr. 1-5)

2016
Silk screen prints on acrylic paintings on canvas
90 x 90 cm each

„Die bunt-fröhliche Variation ein und desselben grausamen Tatbestandes macht ihn unerträglich“, schreibt die Allgäuer Zeitung über die Serie „Everything Pop“. Nur: Ab wann wird eine Tat unerträglich? Erst wenn die Kunst sie farbenfroh verarbeitet? Wenn ein „Einzelfall“ zu einer Serie aus Varianten wird? Oder wird inzwischen nicht jeder Schrecken erträglicher, weil sich die Schmerzschwelle durch die mediale Wiederholung bis zur ikonenhaft banalen Dauerpräsenz abnutzt und gewöhnt?  Liegt die Banalität des Bösen nicht mehr nur in den banalen Charakteren der Täter begründet, sondern weil längst an jede Wand ein Teufel gemalt ist? Weil längst alles – vom rassistischen Grundtenor bis zur Misshandlung – Pop ist? Und damit als Grundrauschen so salonfähig wie akzeptabel – ähnlich naturgegeben wie Kollateralschäden, friendly fire oder auch Regenwetter?

Ein weiterer Aspekt: Wieviel Politik, z.B. wieviel Vietnam steckte in Andy Warhol, als er 1972 begann, nebst Monroe und Jagger das Mao-Portrait in verschiedenen Varianten mehr als 2.000 mal abzudrucken? Ich denke, solches war ihm, jenseits seines geübten Spiels mit Konsummarken und den Gesetzen des kapitalistischen Kunstmarktes, scheißegal.

Das Motiv basiert auf dem Skandalfoto aus dem US-Foltergefängnis Abu Ghraib im Irak, das Anfang 2004 um die Welt ging. Der damalige US-Präsident George W. Bush tat die vielfach bewiesenen Verbrechen als Einzelfälle ab, die nicht widerspiegeln würden, wofür man hier wie überhaupt auf der Welt wirklich kämpfe: nämlich für die Werte der Demokratie, der Freiheit und der Menschenwürde.

Der erniedrigte, gefolterte und gesichtslose Mann unter der Kapuze hat bis heute keinen eindeutigen Namen: In amerikanischen Quellen heißt er Ali Shallal al-Qasi, während in der europäischen Presse bis hin zur spanischen oder deutschen Wikipedia von Satar Jabar die Rede ist. Die Medien streiten bis heute über seine Identität, falls es ihnen nicht einfach wurst ist.


Weiterführende Informationen:

„Was macht eigentlich… Ali Shalal al Qaisi?“ Stern vom 04. März 2006

„Sprach der Spiegel wirklich mit dem Mann auf der Box?“ spiegelkritik.de vom 20. März 2006

„Die Amerikaner kontrollieren gar nichts! Nicht mal sich selbst!
Warum Comical Ali recht behalten hat: einige Überlegungen über Abu Ghraib und das Unbewusste in der Popkultur.“ Essay von Slavoj Zizek in der Berliner Zeitung vom 23. Juni 2004

© 2016 – Foto: Stephan A. Schmidt